Von wegen bürgernah!
Mittwoch, 12. November 2008
Kürzlich hatten wir Gelegenheit, einen deutschlandweit verteilten Kreis von etwa 30 Kommunen daraufhin zu betrachten, wie entgegenkommend sich ihre Webseiten den behinderten Mitbürgern präsentieren, denen in den Sonntagsreden von Bürgermeistern und Gemeinderäten doch immer die allergrößte Sorge gilt. Das Ergebnis war, um es in einem Wort zusammenzufassen, niederschmetternd.
Bei etwa 20 Prozent der Webauftritte war immerhin feststellbar, daß der Auftraggeber oder auch der Dienstleister schon einmal etwas von Zugänglichkeit gehört und mit mehr oder weniger großem Erfolg versucht hatte, den Bedürfnissen zumindest der Hauptgruppen der Menschen, die sich am Computer schwer tun, entgegen zu kommen: Alten Menschen und Sehbehinderten. Der Hälfte davon konnte man sogar einen gewissen Erfolg bei ihrem Bemühen zugestehen: Drei von 30 Webauftritten waren praktisch in größeren Teilen ihres Informationsangebotes auch für Behinderte brauchbar.
Drei weitere hatten sich zwar ebenfalls bemüht, aber mit bescheidenem Erfolg. Dazu gehörte auch die Seite, die stolz auf die angeblich "voll zugängliche" Textversion verwies, die aber wegen übler Strukturierungsmängel ebenfalls als praktisch unzugänglich bewertet werden mußte.
18 weitere Seiten erwiesen sich als praktisch überwiegend unzugänglich. Sie waren - obwohl teilweise gerade erst relaunched - auf dem technischen Stand von vor 6 - 8 Jahren, enthielten einige erreichbare und deutlich mehr unerreichbare Informationen
und bereiteten nicht nur Menschen, die auf die Verwendung von Hilfsmitteln zu Computerbedienung angewisen sind, sondern auch Otto Normauser und seiner Frau große Probleme bei der Orientierung.
Und dann gab es auch noch 6 Seiten - also weitere 20 Prozent - die waren unzugänglicher als die Polizei erlaubt. Darunter eine deutsche Großstadt, die Besuchern mit dem Screenreader eine völlig leere Eingangsseite zeigt - ohne jedes ins Innere führende Link. Weitere präsentierten Navigationen, deren Beschriftung sich beim Abhören in Nichts auflöste, oder boten Links, die ohne aktiviertes Javaskript nicht als Links funktionierten. Keine der angeschauten Seiten bestand auch nur den ersten oberflächlichen Test mit dem Code-Validator des W3C oder einem der populären Accessibility-Checker.
Seine besondere Brisanz erhält das Ergebnis dieser Stichprobe vor dem Hintergrund der Tatsache, daß die in den meisten Ländern im Lauf der letzten Jahre verabschiedeten Gleichstellungsgesetze auch von den Kommunen verlangen, die Anforderungen der Verordnung für Barrierefreie Informationstechnik (BITV) zu erfüllen. Dazu kommt, daß die wenig menschenfreundlich gestalteten Auftritte es auch nicht behinderten Menschen oft sehr schwer machen, im Internet zu finden oder zu erledigen, was sie mit ihrer Gemeinde zu erledigen haben. Bürgerfreundliche Verwaltung und Übergang zum E-government sehen anders aus.




