Unzugängliche Abgeordnete

Dienstag, 07. April 2009

Bundesadler aus dem PlenarsaalIn der ersten Aprilwoche haben wir eine Stichprobe von Webseiten von Bundestagsabgeordneten auf ihre Zugänglichkeit betrachtet - das Ergebnis war nicht besonders erfreulich. Den automatischen Check nach "Cynthia Says" bestand keine davon. Aber immerhin: 4 hatten nur praktisch irrelevante Mängel ("until user agents..."), und insgesamt 10 konnten wir nach näherer Betrachtung als "praktisch weitgehend zugänglich" einstufen. Zwei oder drei Kandidaten zeigten allerdings ein so uneinheitliches Bild, daß wir uns mit der ohnehin schon sehr weichen Einstufung "praktisch zugänglich/unzugänglich" schwer taten. Den Vorgaben entsprachen sie ganz und gar nicht, aber gewitzte Anwender von Hilfsmitteln können ihnen wohl den größeren Teil des Contents abgewinnen.

Alles in allem mußten wir knapp 80 Prozent unserer Stichprobe als weitgehend bis ganz unzugänglich einstufen - ein schwaches Bild sieben Jahre nach Verabschieden des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes mit der Verordnung zur Barrierefreien Informationstechnik durch die Abgeordneten eben dieses Bundestages.

Im Einzelnen:

Angeschaut wurden 50 Seiten – möglichst gleichmäßig über das Alphabet verteilt. Prominente Namen wurden eher gemieden, jüngere Personen leicht bevorzugt, ansonsten regierte der Zufall.

10 Seiten waren im Validator, vier auch im Accessibility-Checker nahezu fehlerfrei. Allerdings konnten wir nur zwei Seiten direkt ansehen, daß man sich um zugänglichen Seitenbau bemüht hatte - als Indiz nahmen wir die Übersprunglinks und gute Strukturierung.  Eine Seite behauptete zwar, die Tests auf Validität und Zugänglichkeit bestanden zu haben – das traf zum Zeitpunkt der Begutachtung aber nicht mehr zu.

Es gab einen deutlichen, aber keinesfalls eindeutigen Zusammenhang zwischen Standardnähe und praktischer Zugänglichkeit: Bei den praktisch zugänglichen Seiten hielt sich auch die Zahl der Validator-Fehler in Grenzen - aber nicht alle Seiten mit wenig Validator-Fehlern waren deshalb schon praktisch barrierefrei.

Mit 20% als "praktisch weitgehend zugänglich" eingestuftem Seiten liegen die Bundestagsabgeordneten etwas besser als andere Proben, die meistens um 85 Prozent unzugängliche Seiten ergeben haben.

Die wesentlichen Barrieren bei den Abgeordneten-Seiten waren:

  • Gar kein oder falscher Einsatz von Strukturelementen,
  • fehlende „lebenswichtige“ Alt-Texte,
  • ungeeignete Gestaltung von Navigationen,
  • fehlende Labels in Formularen,
  • gleichlautende „Weiter-Links“,
  • verweis lebenswichtiger Informationen in die Titles,
  • fehlendes Character-Encoding oder Sprachangabe,
  • zuviel Content in unzugänglichen PDF.

Gewundert haben wir uns, daß immer noch ziemlich viele Seiten dem technischen Stand von vor 10 oder 15 Jahren entsprachen. Immerhin 16 Seiten waren in größtenteils sehr problematischem Tabellendesign erstellt, bei 4 Auftritten erschwerten teilweise abenteuerliche Framekonstruktionen den Zugang, bei zweien war eine JS-Navigation so unsachgemäß eingerichtet, daß Besucher ohne JS wesentliche Teile des Inhalts nicht erreichen konnten.